09.05.2016> Digitalisierung> Transformation> Wissenslogistik> Service Excellence> Consulting

Digital Labs - der Schlüssel zur digitalen Transformation?

Was ist eigentlich ein Digital Lab?

Verfolgt man die Presse und Publikationen der letzten Wochen und Monate zu Themen wie Industrie 4.0 oder Digitalisierung, so bekommt man den Eindruck, dass die Zukunft eines jeden Unternehmens auf einem Digital Lab fußt. Ganz egal ob großes Beratungshaus oder Industrieunternehmen – Digital Labs sprießen derzeit überall aus dem Boden. Je mehr dieser Einrichtungen entstehen, umso erstaunlicher ist, dass Unternehmen bei deren Aufbau keine wirkliche Strategie oder Methodik parat haben. Es ist zu erwarten, dass daher einige dieser Digital Labs in den nächsten Monaten aufgrund von grundlegenden Planungsfehlern und Misserfolgen wieder geschlossen werden.

Doch widmen wir uns zunächst einmal der Fragestellung, was sich hinter dem Anglizismus „Digital Lab" verbirgt – dem Begriff, über den scheinbar jeder redet, aber jeder etwas anderes darunter versteht. In einem Punkt sind sich alle Diskutierenden einig: Digital Labs, also „digitale Labore", befassen sich in irgendeiner Form immer mit dem Thema Digitalisierung im Zug der aktuellen Industrie-4.0-Welle. Zielsetzung der Digital Labs ist es, Ideen zur Realisierung von Industrie- bzw. Service-4.0-Ansätzen für das jeweilige Unternehmen zu finden.

Erfolgsfaktoren für den Aufbau eines Digital Lab

Der Ansatz eines Digital Labs birgt für Unternehmen große Chancen. Die Innovationskraft dieses Ansatzes und die Ideen, die daraus entstehen können, beinhalten das Potenzial für neue (digitale) Geschäftsmodelle und fundamentale Veränderungen der Geschäftsprozesse. Trotz oder gerade wegen dieser enormen Chancen bedarf es einiger wichtiger Überlegungen vor der Gründung eines Digital Labs. Folgende Bausteine sind aus unserer Sicht wichtig beim Aufbau und v. a. für den späteren Erfolg des Digital Labs:

Digital Leader

Der „Digital Leader" – ebenfalls ein neu entstandener Begriff der letzten Monate und Jahre – ist ein wichtiger Bestandteil des Digital Labs. Dieser ist zum einen eine Art Projektleiter oder Unternehmer auf Zeit, um die neuen Digitalisierungsideen im digitalen Labor zu entwickeln. Er ist dabei nicht nur Führungskraft im unternehmerischen Sinne; vielmehr verkörpert ein Digital Leader im Digital Lab die Innovationskraft in Person. Es sollte folglich jemand sein, der einen Gründer- und Aufbruch-Spirit versprüht und in der Lage ist, Menschen für neue Ideen zu begeistern.

Neben der Besetzung der Leader-Rolle gilt es, diese auch mit entsprechenden Kompetenzen und Befugnissen auszustatten, damit der Digital Leader im Rahmen der Entwicklungen als eine Art Geschäftsführer wirken und daher hierin alle notwendigen Entscheidungen treffen kann.

Der Digital Leader ist wohl die am schwersten zu besetzende Ressource im „Lab". In der Regel stammen die Digital Leader eines Unternehmens aus dem innovationsnahen Bereich Business Development oder werden von extern angeheuert. Ein Digital Leader kommt jedoch in keinem Fall aus der eigenen Entwicklung. Hier sind meist die fachlich besten und daher unbedingt für die Umsetzung notwendigen Experten beheimatet.

Das beste Team

Neben dem Digital Leader bedarf es des Weiteren eines speziell für das Digital Lab zusammengestellte Teams. Die Teamgrößen variieren hier je nach Branche und Phase, in der sich die Ideen des Digital Labs befinden. Für den Beginn empfiehlt es sich jedoch, ein Team in einer Größe von vier bis maximal acht Personen zusammenzustellen. Dieses kann im Verlauf der Ausarbeitungen noch beliebig vergrößert werden.

Bei der Auswahl der Teammitglieder ist Folgendes zu beachten: Zunächst einmal sollte das Team möglichst heterogen sein (jüngere und ältere Mitarbeiter, Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen oder ggf. auch völlig neu eingestellte Kollegen aus anderen Branchen). Zielsetzung ist es, durch möglichst viel „Querdenken" bahnbrechende Ideen zu entwickeln. Neben der fachlichen Exzellenz und der Heterogenität sollten sich die Mitarbeiter durch Innovationskraft und eine „Start-up-Mentalität" auszeichnen. Es ist essenziell, dass die Mitarbeiter Freude an Neuem und am Ausprobieren haben. Entwickler, die seit 40 Jahren im Unternehmen sind, zählen meist nicht dazu – trotz ihrer fachlichen Auszeichnung. In der Praxis hat sich gezeigt, dass hier Denk- und Arbeitsmuster oftmals schon so tief verankert sind, dass es diesen Kollegen schwer fällt, neue Wege zu gehen. Dennoch ist es auch wichtig, Wert darauf zu legen, dass die ausgewählten Mitarbeiter ausreichend fachliche Eignung und Erfahrung mitbringen, damit auch umsetzbare und ausgereifte Ideen entstehen.

Um das richtige Team zu finden, empfiehlt es sich, ein Bewerbungsverfahren für das Digital Lab vorzuschalten. In diesem werden nicht nur die oben genannten Eigenschaften der Mitarbeiter geprüft; die Mitarbeiter haben zusätzlich darzustellen, warum gerade sie im Lab mitwirken wollen. So erhalten Sie einen guten Eindruck zu Motivation und Beweggründen der Mitarbeiter.

Dedizierte Ressourcen

Neben dem Team als personelle Ressource sind weitere finanzielle Ressourcen für das Digital Lab freizugeben. Hierbei ist entscheidend, dass der Digital Leader frei und in vollem Umfang über dieses Budget verfügen darf. Weiterhin ist es von großer Bedeutung, dass das Team von allen anderen Aufgaben freigestellt ist und zu 100 % im Digital Lab mitwirkt. Nur so können Entwicklungsfortschritt und Ideenreichtum durch Fokussierung sichergestellt und die Nachteile der üblichen Matrix-Projektorganisation umgangen werden.

Neben der Verantwortung für personelle und finanzielle Ressourcen hat der Digital Leader die Aufgabe, für optimale infrastrukturelle Voraussetzungen zu sorgen. Ein eigener Projektraum, in dem das Digital-Lab-Team sitzt, ist dabei ein erster Schritt in die richtige Richtung: Räumliche Nähe fördert den schnellen und unkomplizierten Austausch im Team. Die Erfahrung aus bisherigen Digital Labs hat jedoch auch gezeigt, dass Projekträume im bestehenden Unternehmen meist nicht ausreichen. Aufgrund der weiterhin bestehenden räumlichen Integration des Labs im Unternehmen können Vorgesetzte und andere Kollegen Einfluss auf die Ideen des Digital Labs zu nehmen – wenn auch nur informell oder indirekt z. B. über die Unternehmenskultur bedingt. Dadurch erfährt das digitale Labor eine enorme Limitierung in seiner Entscheidungsfreiheit und v. a. Innovationskraft. Daher ist es unerlässlich, ein Digital Lab außerhalb bestehender Unternehmensstandorte aufzubauen.

Kurze Entscheidungswege

Durch die vergleichsweise kleine Organisationseinheit von zu Beginn vier bis zehn Mitarbeitern (später ggf. 30–50 Mitarbeiter, je nach Projektinhalt) erfolgt die Kommunikation in der Regel im Team direkt, schnell und persönlich. Dabei ist darauf zu achten, dass die Anzahl an Hierarchiestufen möglichst gering gehalten wird und im Idealfall nur eine (Digital Leader – Projektteam) oder maximal zwei (Digital Leader – Team Leads – Projektteams) Stufen umfasst.

Einen wesentlichen Einfluss auf das schnelle Entscheiden hat neben der flachen Hierarchie auch die räumliche Nähe des Teams – wie unter „Dedizierte Ressourcen" bereits dargestellt.

Agile Entwicklung

Digital Labs sind ähnlich wie Start-ups flexible und höchst dynamische Organisationsformen. Daher werden in Digital Labs in der Regel keine klassischen Entwicklungsmodelle (V- oder Wasserfall-Modell) angewandt. Die Entwicklung von digitalen Ideen erfolgt vielmehr über agile Entwicklungsansätze und nach dem Go-Learn-Go-Prinzip. Dabei werden in kurzen Entwicklungszyklen Ideen oder Teilaspekte von Ansätzen entwickelt bzw. und in regelmäßigen Rhythmen mit dem Digital Leader sowie den Kunden (also den Endanwendern des Digital-Lab-Ergebnisses) verprobt. Des Weiteren wird vorzeigbaren Ergebnissen mehr Bedeutung beigemessen als umfassender Dokumentation. Es wird daher nur das dokumentiert, was zur Gewährleistung der Nachvollziehbarkeit nötig ist. Ziel ist es, bürokratische Hürden und Bremsklötze so gering wie möglich zu halten.

Der Nutzen eines Digital Labs

Ähnlich wie in einem Forschungsprojekt arbeiten in einem Digital Lab dedizierte Ressourcen auf begrenzte Zeit an brennenden Zukunfts- und Innovationsfragen der Digitalisierung. Durch die Freistellung der personellen Ressourcen von anderen Aufgaben und der Bündelung an einem neuen Unternehmensstandort außerhalb der üblichen Organisationsinfrastruktur erhält das Digital Lab enorme Freiheitsgrade: Freiheitsgrade nicht nur hinsichtlich Kompetenzen, Entscheidungsgeschwindigkeit und Ressourcen, sondern v.a. bzgl. des Denkens und Verprobens neuer Ideen. So entwickeln sich eine Innovationskraft und ein Gründer-Spirit ähnlich wie in Start-ups, den langjährige Firmen mit eingefahrenen Denkmustern und Prozessen niemals erreichen. Digital Labs kombinieren somit das Beste aus beiden Welten: Die finanzielle Kraft eines etablierten Unternehmens und die Innovationskraft eines Start-ups.

Digital Lab Best Practices

Wenngleich Digital Labs derzeit wie Pilze aus dem Boden sprießen und jeder Konzern und innovationsfreudige Mittelständler ein Lab gründet, im Detail lassen sich die Unternehmen bei der Gestaltung ihres Digital Labs nicht in die Karten schauen.

Dennoch ist es nicht notwendig, auf Ergebnisse und Erkenntnisse aktueller digitaler Labore zu warten; der Ansatz der Digital Labs ist nämlich nicht neu. Bereits seit vielen Jahrzehnten wird dieser erfolgreich in anderen Bereichen der Innovation und Forschung eingesetzt. Die dabei angewandten Ideen und Methoden gehen zurück auf den Skunk-Works-Ansatz von Lockheed Martin, der ein erstes „militärisches Lab" bereits während des zweiten Weltkriegs etabliert. Ziel war damals die schnelle und unbürokratische Entwicklung eines neuen amerikanischen Kampfjets. Viele Jahrzehnte später hat sowohl Lockheed Martin bereits zahlreiche Skunk-Works-Labs aufgesetzt – mit bahnbrechenden Erfolgen. So ist beispielsweise der „Stealth Fighter" ein bekanntes Projektergebnis einer Skunk-Works-Initiative. Aber auch andere Branchen wie die Pharma- und Chemieindustrie setzen mittlerweile auf den Ansatz, ebenso wie die deutsche Automobilindustrie. So entstand beispielsweise der PKW Smart im Rahmen eines Skunk-Works-basierten Entwicklungsansatzes.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Haben Sie Fragen zum Aufbau oder der Durchführung von Digital Labs? Dann nehmen Sie Kontakt mit uns auf! Wir sind gerne für Sie da!

Autor: Markus Schicker
Service Management Consulting

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